Montag, 30. September 2013

Septembernebel

des hungrigen morgens graues gesicht
unverrückbar über den feldern nebelhaarhaut
kürzer die tage gebeugt und verhüllt
sammelt sich sehnsucht ungeahnt schnell
das wartende augenpaar umarmung zugleich
zwischen zeilen aus wind bleibt die unvergängliche rose
leuchtend trauen wir mit leisem mund fallendem licht




Hermann Josef Schmitz













Sonntag, 29. September 2013

Doch dann zuletzt ...

Doch dann zuletzt bist Du das gute Gleiten
Ins Schlafende, das ohne Sprache ist
Wie ohne Traum. Das sich so tief vergißt,
Daß Namen schon es mit sich selbst entzweiten.


Sie stehen wieder stumm im Topf aus Ton,
Und was sie sprachen wurde nie gesagt,
Und was sie klagten wurde nie geklagt:
Ganz pflanzenhaft in einer dunklen Fron


Von Wuchs und Trieb sind sie zurückgewandt
Zum Schweigenden. Und Du darfst nichts erwarten
Als Dieses nur: daß sie einmal, besehn


Von Deinem Blick, berührt von Deiner Hand,
So wie ein plötzlich übersonnter Garten,
Aufbrechen und in jäher Blüte stehn



Maria Luise Weissmann



Christoph Hein gefällt mir außerordentlich, es ist ein großes Zeitgemälde, das er hier beschreibt. Und ich lese schon am nächsten Buch von ihm.




Samstag, 28. September 2013

Wunder

es bleibt dieses wunder
dem die erinnerung
in der gegenwart
aufs neue die liebe hinhält



Hermann Josef Schmitz

Diese Woche mal wieder auf einem der schönsten Hügel im Emmental gewesen: Die Lueg








Freitag, 27. September 2013

Beginn

"Alles beginnt mit der Sehnsucht."


Nelly  Sachs



Es wird immer ein besonderer Tag bleiben … DANKE dafür!!!







Donnerstag, 26. September 2013

Modern times

moderne galeeren
stehen in den häfen der städte
die gläsernen segel vertäut
hinter den aufbruchparolen
den fadenscheinigen wahrheiten
treiben die kapitäne
ihre trainierten mannschaften
in den neuen tag
die galeeren stehen bereit
ihre zugänge schreien verlockend
und die verführung hat längst
die passagiere erreicht
und die kapitäne
treiben ihre trainierten mannschaften
immer die zahlen als botschaft
wenn sie sie ziehen lassen
in die leere der nacht



Hermann Josef Schmitz



Gerade gelesen:




Mittwoch, 25. September 2013

Waldmetamorphose

Als das Schweigen zu gewaltig wurde
Männlichen Sonnenuntergangs
Und das Vorgefühl der Sterne zu laut,
Schluchzte ich auf vor so viel Abendgüte.
Kleine Blumen umringten mich,
Ihre schüchtern-blaue Schwester.
Ich duftete wie sie nach Liebe.
Mein rotes Haar wurde zu Moos,
Meine Scheu zu Reh, braungeschminkte Tänzerin,
Groβäugig den Wald verführend.
Meine violinene Stimme zum Vogel
Der kirchlichen Dämmerung.


Als das Schweigen zu tannengroβ wuchs,
Sprangen kindliche Quellen aus meinen Augen
Hinein in den verwandten Abgrund der Wasser,
Und ich erlitt zugleich die Verlassenen aller Ufer.


Gut macht die Stummheit der Bäume,
Gut machen die keuschen Wiesen,
Gut macht der starke Mitternachtsstern
Den unguten Menschen.



Claire Goll

Dienstag, 24. September 2013

Septemberherbstsonntag

die lichtwurzeln
treiben noch einmal aus
am himmel
wachsen die früchte blau
wie ein spätes versprechen



Hermann Josef Schmitz

Montag, 23. September 2013

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: "Junge, wiste 'ne Beer?"
Und kam ein Mädel, so rief er: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn".


So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: "Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab."
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Bündner mit Feiergesicht
Sangen "Jesus meine Zuversicht".
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
"He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?"


So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was er damals tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.


Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: "Wiste 'ne Beer?"
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn."


So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.


Theodor Fontane


Eines der wenigen Gedichte aus der Grundschulzeit, an das ich mich noch erinnern kann und dessen feine List mir immer noch gefällt.

Sonntag, 22. September 2013

Mutiges Licht

zu lange wohntest du
schon in der regenhütte
du hattest dir die taktik
fürs leben ausgewählt
und dich an der wegkreuzung vergessen
jetzt steht ein anderes ich
ein kleingewordenes vor einer tür
hinter der du hoffnung suchst
aber es ist der eigene schlüssel
nur der eigene schlüssel
der in die öffnung passen wird
und du wirst nichts anderes finden
als dich selbst
vergessen an der wegkreuzung
kannst du beginnen
dich wieder zu finden
und du wirst dich freuen
wenn du wieder
bei dir angekommen sein wirst
wenn du die regenhütte
hinter dir gelassen hast
und hinter der tür
die du öffnest
ein mutiges licht
durch die verstaubten fenster fällt


Hermann Josef Schmitz

Der Herbst beginnt mit vollem Leuchten J



Samstag, 21. September 2013

Berühren

«Solange ich versuchte, ein guter Künstler zu sein, damit ich anerkannt werde, war ich ein schlechter Künstler, doch mit der Erfahrung der Liebe, begann ich mir zu vertrauen und zu malen, was mich gerade berührte, und so erst begann ich künstlerisches zu tun.»


Emil Nolde


Nicht versäumen …



Freitag, 20. September 2013

Unerschütterlich

du lagst
in schattennestern
genährt von der ungewissheit
aber du glaubtest
unerschütterlich an das
was dich verändern sollte
und es kam der tag
an dem du gegen die
richtung aufbrachst
die unerschütterliche liebe
im gepäck
immer noch blieb die ungewissheit
aber sie war nicht mehr der nährboden
auf dem du gingst
es war die liebe
die unerschütterliche liebe



Hermann Josef Schmitz


Ich wünsche Euch ein gutes nährendes Wochenende voller Liebe.

Donnerstag, 19. September 2013

Das zweite Gesicht

Im verhexten Wald
mit der abgeschälten Rinde des Daseins
wo Fußspuren bluten
glühende Rätsel äugen sich an
fangen Mitteilungen auf
aus Grabkammern -


Hinter ihnen
das zweite Gesicht erscheint
Der Geheimbund ist geschlossen -



Nelly Sachs

Mittwoch, 18. September 2013

Nicht mehr gewachsen sein wollen

wo wohnt das leben
wenn sie den sommer
am strassenrand abstellen
sperrmüll gleich
verblüht verschattet
gefährliche langeweile
die sich ausbreitet
wenn die abende ihr licht
wie ein müdes kleid abstreifen
wo wohnt dann das leben
wenn du den dingen
nicht mehr gewachsen sein willst
wenn sich das innere fühlt
wie eine ausgebrannte taschenlampe
und einer den du nicht kennst
mit schnellem schnitt kommt



Hermann Josef Schmitz

Dienstag, 17. September 2013

Lassen


„Alle Veränderungen, sogar die meistersehnten, haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir es in ein anderes eintreten können.“


Jacques Francois Anatole Thibault


Gerade fertig gelesen:




Montag, 16. September 2013

Ohne Titel

du hast vom
gift der einsamkeit
getrunken
ganz unbedacht
an einem abend
voll septemberregen
die lippen fiebrig
und sie versperrt
den worten
die um hilfe baten
du hast den
ausgebrannten sternen
nachgeschaut
ganz zwecklos
hast du unter
leeren himmeln
ausgeharrt
dem abgrund
näher
als du wolltest
du hast vom
gift der einsamkeit
getrunken
und aus den bäumen
fielen erste blätter
schwerelos



Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 15. September 2013

Wohin ich schaue

Wohin ich schaue, Wunder über Wunder,
Wohin ich lausche, alles wunderbar.
Ihr sprecht von Sinn, Gesetz und von gesunder
Vernunft: Ihr schaukelt zwischen falsch und wahr!


Mich hat als Kind das Wunder tief getroffen!
Ich schlug es tot, weil's mir die Ruh' vergällt.
Nun halt ich wieder Kinderaugen offen
Und weiß, das Wunder ist der Grund der Welt.


Jakob Boßhart


Sehr schönes Entrée aus zwei Flügeln zu einer Hochzeit im Flur zu meiner Wohnung:
 

 





Samstag, 14. September 2013

Das Ende vom Sommerlied

es ist der schöne
schwindel neuer etiketten
die auf ungestellte fragen
keine antworten geben
es ist das kalte
flattern einer ungeraden tür
im luftzug einer
stummen zeit
es ist der frühe
schatten auf den abendwiesen
der etwas dunkles
in mir aufrührt



Hermann Josef Schmitz


Noch mal etwas Sonnengelb für die Seele und das Auge …








Freitag, 13. September 2013

Geborgenheit

„Geborgenheit ist freilich ein stärkeres Wort für Glück.“


Johann Wolfgang von Goethe



Heute erscheint die CD von Wolfgang Niedecken offiziell, seit gestern Abend läuft sie in meinem Player und berührt eine ganz nachdenkliche Seite in mir …




In diesem Sinne wünsche ich Euch ein geborgenes und glückliches Wochenende.

Donnerstag, 12. September 2013

Bleiben

im gehäuse
der ungehörigen worte
verschnellt sich der atem
und ich bleibe
in deiner verzweigung



Hermann Josef Schmitz


Das Lied unseres Sommers ...





Mittwoch, 11. September 2013

September

Der Garten trauert,
kühl sinkt in die Blumen der Regen.
Der Sommer schauert
still seinem Ende entgegen.


Golden tropft Blatt um Blatt
nieder vom hohen Akazienbaum.
Sommer lächelt erstaunt und matt
in den sterbenden Gartentraum.


Lange noch bei den Rosen
bleibt er stehn, sehnt sich nach Ruh,
langsam tut er
die müdgeword'nen Augen zu.



Hermann Hesse

Dienstag, 10. September 2013

Alles im Blick?

tausend augen
an allen übergängen
eine festgehaltene welt
die nichts ungespeichert lässt
nur wenn es darauf ankommt
bleibt das einsame herz unerkannt


Hermann Josef Schmitz

Montag, 9. September 2013

Freude

Das beste Mittel, jeden Tag neu zu beginnen ist: Beim Erwachen daran denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tag eine Freude machen könnte.


Friedrich Nietzsche

Sonntag, 8. September 2013

Sommerhalde

scheinbar verloren
die verblühten erinnerungen
ausgefranste bänder
zusammengefasster tage
dort wo das sonnenleben wohnte
bleibt noch ein rest von wärme
und das verlorene kind
mit dem überlaufenden blütenherz
ein gewitter aus licht
und der regen von gestern
frischt das harte gras auf
tuscht die augen
legt sich in der nachmittagsstunde
ein schattenlaken
auf die nackt gewordenen kümmernisse
in der näher kommenden ferne



Hermann Josef Schmitz

Samstag, 7. September 2013

Waldmensch

Hat mich in seine Wälder gebeten wo
Immer sie lagen ging hinter ihm
Donnerkeile in beiden Taschen.
Er bewegt sich wie ein Schwarzer
Auf eigenem Boden es existieren
Zebrastreifen für Weberknechte und Käfer
Schenkt mir ein abgestreiftes
Eidechsenhemd. Ach verbreitet er
Hochgemut Ruhe ein herrliches
Rauschen der Sturmwind saust
Über uns hin findet nicht aus dem Tann.
Wir durchkämmen gewölbte Haine
Lachend und stumm auf der Insel
Bärlauch putzt uns die Schuh Bluebells
Renken die Hälse sich aus. Verlorn die Köpfe.
Nicht Schönres wahrhaftig auf der Welt
Als ihm folgen. Ich höre mein Herz
Knirschen gegen sich.



Sarah Kirsch

Freitag, 6. September 2013

Aufbäumen

in schattenwälder drängt
noch mal mit allen kräften
der späte sommer
ist noch nicht bereit
die warmen häuser zu verlassen
sie zerren ihn
betören ihn mit falschen hoffnungen
und ihre späher lauern schon
an frühen abenden
vermessen abschiede
verbannen blütenlichter
und wenn die kühlen nächte klagen
dann füllen sie die truhen
mit schwermut und mit abschiedsweh
und hinter fenstern leuchtet
wieder falsches licht
doch morgen
doch morgen abermals
mit allen kräften die sich bäumen
drängt später sommer
in die schattenwälder
und gibt nicht auf



Hermann Josef Schmitz


Noch einmal raus ... ich wünsche Euch ein schönes Draußenseinsommerwochenende.



Donnerstag, 5. September 2013

Ohne Blumen

Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen - doch es wachsen keine Blumen auf ihr.


Vincent van Gogh

Mittwoch, 4. September 2013

Gerücht

zwei sätze
von links nach rechts
weitergetragen
hastige schauprozesse
entgegen der wahrheit



Hermann Josef Schmitz


Seit langem mal wieder neue Musik ... es wurde höchste Zeit, diese CD zu haben.




Dienstag, 3. September 2013

Papier

Papier ist Papier
aber es ist auch
ein Weg
zu den Sternen
zu Sinnbild und Sinn
blinden Geheimnissen
und
zu den Menschen



Rose Ausländer

Montag, 2. September 2013

September

nicht mehr oder weniger
eine frage der sehnsucht
tage verblühen
alternden helden gleich
deren erfahrene gedanken
zwischen den zeilen ein grundriss
der die zukunft ins ungefähre zeichnet
rosen blühen ohne
widerspruch neidet ihnen niemand
weilt hinter dem haus
wenn eine frage der sehnsucht
verschlossen bleibt
in der hinteren herzkammer



Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 1. September 2013

Tiefe Ewigkeit

Oh Mensch! Gieb Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!“


Friedrich Nietzsche