Freitag, 31. Januar 2014

Der Vogel ist nicht fortgeflogen

kein schöner schein mehr
diese rettungslose einsamkeit des ichs
im nordzimmer wandert der antriebslose hintersinn
durch die verwürfnisse des frühen winters
eine unbekannte bedroht das salz der träume
wie eines flusses abgekommener schwung
aber der vogel ist nicht fortgeflogen



Hermann Josef Schmitz



Viel Freude an diesem Wochenende, viel Nähe und Weite zugleich.

Donnerstag, 30. Januar 2014

Blume

Der Stein.
Der Stein in der Luft, dem ich folgte.
Dein Aug, so blind wie der Stein.


Wir waren
Hände,
wir schöpften die Finsternis leer, wir fanden
das Wort, das den Sommer heraufkam:
Blume.


Blume – ein Blindenwort.
Dein Aug und mein Aug:
sie sorgen
für Wasser.


Wachstum.
Herzwand um Herzwand
blättert hinzu.


Ein Wort noch, wie dies, und die Hämmer
schwingen im Freien.



Paul Celan


In dieser Woche gelesen:






Mittwoch, 29. Januar 2014

Rot lag das Holz im Verborgenen

auf der suche erinnerungsflechten
werde ich zurückgehen in dieses ungefähre land
zwischenlagen auffinden
werde ich mich aufmachen für das was begründete
herzlagen ausloten
werde ich mir sicherer im finden werden
demütig im gang
werde ich aufgebrachter sein
aus dieser gewesenen zeit
werde ich wieder gehen aus diesem ungefähren land


Hermann Josef Schmitz

Dienstag, 28. Januar 2014

Waldstück

Der Nordwind zerstückelt die Wolken
sie fahren über den Himmel bis in die
Wölfischen Tundren die Sonne steigt auf
Was sie an den Tag bringt verrammelte
Wälder abgebrochene Hütten im Dickicht
Die Tränen der Demonstranten kein Gras
Wächst darüber legt sich Beton.



Sarah Kirsch

Montag, 27. Januar 2014

Es ist noch keine Zeit für Tulpen

es ist noch keine zeit für tulpen
der himmel darf sich weiter über karge bäume stülpen
das müde gras steht auch am mittag noch nicht auf
und an den hängen klebt ein schmutziger schneeentwurf
es ist noch keine zeit für farben
die sehnsucht nach dem licht darf sich noch nähren
ich leg ein leises flattern über deine blasse haut
und halte mich im zimmer hinter büchern auf



Hermann Josef Schmitz


Sonntag, 26. Januar 2014

Flieder

Vor einem Menschenalter
Diese bescheidenen Dörfer
Bei jedem roten Haus
Ein Fliederbusch


Jetzt bestehen die Dörfer aus Flieder
Man sieht sie von weitem
Riesig tiefviolette
Gewitterwolken am Himmel


Auf dem Grund der Büsche vielleicht
Ein paar Ziegel
Ein Häufchen Gebein
Auf der Zunge
Der Name: Masuren.


Marie Luise Kaschnitz


Im Einstieg schwer, aber dann kam ich nicht mehr davon los:




Samstag, 25. Januar 2014

Leiser Samstag

ich gehe mit dir durch gräberreihen
in unterschiedlichen erinnerungen
bekommen dann und wann
verlorene namen ein gesicht von früher
bleibt leichtigkeit vergangener tage
die sich vermischt mit einer unklaren sehnsucht
noch sind die bäume ruinen
noch ist der himmel unleserlich beschrieben


Hermann Josef Schmitz


Heute wird mein lieber Sohn Christian 24.  Auf das Dir das neue Lebensjahr viel Schönes schenken möge, liebe Menschen, die Dich begleiten und Dich behüten und beschützen möge. Deine Pläne werden aufgehen, da bin ich mir sicher.
Ich bin stolz auf Dich und wünsche Dir von Herzen alles Liebe und Gute.



Freitag, 24. Januar 2014

Ohne Titel

Espenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel.
Meiner Mutter Haar ward nimmer weiß.


Löwenzahn, so grün ist die Ukraine.
Meine blonde Mutter kam nicht heim.


Regenwolke, säumst du an den Brunnen?
Meine leise Mutter weint für alle.


Runder Stern, du schlingst die goldne Schleife.
Meiner Mutter Herz ward wund von Blei.


Eichne Tür, wer hob dich aus den Angeln?
Meine sanfte Mutter kann nicht kommen.


Paul Celan


Ich wünsche Euch ein Wochenende mit Licht, Sternen und weitem Himmel.