Montag, 30. Juni 2014

Wenn meine Nächte ewig währen

wenn meine nächte ewig währen
und wenn mein schlaf nicht kommen mag
geh ich verschwiegen in mein kabinett
dort in der dunklen kammer
stehen deine leisen worte an den wänden
ein aufbewahrter duft zieht aus dem warmen stoff
und weil du in der ferne atmest
erneuert sich die sehnsucht wie frisches gras
nach einem ersten schnitt
erneuert sich die sehnsucht wie starkes geäst
zu einem weichen himmel
dann währen meine nächte ewig
bis du endlich wieder kommen kannst



Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 29. Juni 2014

Das Gedicht ist einsam

„Das Gedicht heute behauptet sich am Rande seiner selbst; es ruft und holt sich, um bestehen zu können, unausgesetzt aus seinem Schon-nicht-mehr in sein Immer-noch zurück.
Das Gedicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs. Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber. Es sucht es auf, es spricht sich ihm zu.“



Paul Celan
(Aus: Der Meridian. Rede anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises. 22. Oktober 1960)

Samstag, 28. Juni 2014

Und in den Kammern wächst der Wolkentraum

ein langer tag die wälder stehen müde und an den wegen wächst die dämmerung wie dünnes moos nur in der weite streckt das licht des abends sich und trägt die stille über alle straßen ganz leise stiehlt des tages ärgernis sich fort versickert unerkannt in lautem atem befeuert dies der steigung anmut so  angetrieben von den widerständen gibst du nicht nach auch wenn kein regen fällt auch wenn das licht in einem ausweg landet vergeudest du die zeit mit weitem blick und strengst die muskeln streckst sie lässt den füßen ihren lauf und selbstvergessen schaust du hörst du was die schatten flackernd flüstern und kommst am ende bei dir an dann ist sie wieder nah und deines auges blick verschwendet sich am rosa wurzelblatt der wicke die sich verborgen in den schlaf gelegt und auf den letzten schritten ist sie wieder nah mit ihrem lachen ihrer starken hand und diesem schwung der sich den eigenen weg befiehlt ein langer tag die menschen stehen müde und in den kammern wächst der wolkentraum


Hermann Josef Schmitz

Seit einem halben Jahr habe ich neben der Wortgarage noch einen Laufblog, der neben der Betrachtung der Natur auch andere Gedanken aufnimmt, einmal mehr ohne Punkt und Komma.

Freitag, 27. Juni 2014

Wenn die Sonne weggegangen

Wenn die Sonne weggegangen,
Kömmt die Dunkelheit heran,
Abendrot hat goldne Wangen,
Und die Nacht hat Trauer an.



Seit die Liebe weggegangen,
Bin ich nun ein Mohrenkind,
Und die roten, frohen Wangen,
Dunkel und verloren sind.



Dunkelheit muss tief verschweigen,
Alles Wehe, alle Lust,
Aber Mond und Sterne zeigen,
Was ihr wohnet in der Brust.



Wenn die Lippen dir verschweigen
Meines Herzens stille Glut,
Müssen Blick und Tränen zeigen,
Wie die Liebe nimmer ruht.



Clemens Brentano



Auf ein schönes und inniges Wochenende.



Und noch ein Lesetipp … 89 Fortsetzungen lang habe ich „Vogelweide“ in meiner Tageszeitung gelesen und fand diese Form einmal spannend.




Donnerstag, 26. Juni 2014

Vergänglich

die großen kerzenständer stehen
nach der langen nacht leer und müde
die weiten schön geschmückten säle
erholen sich noch nicht vom großen fest
am morgen in der dunklen frühe
liegt unter den gestrandeten tischen
ein letztes flüstern eines hellen vortages
schon blättert etwas ab vom großen glanz
ein großes schweigen hüllt den nebel ein
und auch an diesem morgen bleibt nichts sicher



Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 25. Juni 2014

Das Meer

Hier an der Insel
das Meer,
welch ein großes Meer.
Jeden Augenblick geht es aus sich selbst hervor,
es sagt ja, nein,
nein, nein, nein; es sagt ja in Blau,
in Schaum, in Galopp,
es sagt nein, nein.
Es kann nicht ruhig sein.
Ich heiße Meer, wiederholt es,
gegen einen Stein schlagend, ohne das es ihm gelänge,
diesen zu überzeugen; mit sieben grünen Zungen,
von sieben grünen Hunden,
von sieben grünen Tigern,
von sieben grünen Meeren
fährt es dann über ihn,
küsst es ihn,
macht es ihn nass,
und es schlägt sich gegen die Brust
und wiederholt dabei seinen Namen.



Antonio Skarmeta

Gerade gelesen ...


Dienstag, 24. Juni 2014

Untertauchen

unkenntlich werden
zwischen den vergänglichen zeilen
sich selbst retuschieren
auf allen gemachten fotografien
die lippen zum schweigen ermutigen
nichts sagen müssen
wenn nichts gesagt werden muss
kein fenster öffnen
hinter der welt untertauchen
in die stille
des unbetretenen morgens



Hermann Josef Schmitz

Montag, 23. Juni 2014

Unterschiedliche Perspektiven

Im Spiegel des Alltags
vergeht die Zeit
geduldig und sanft.


Alle paar Monate
die Entdeckung einer Falte:
Das Lachen beginnt
die Mundwinkel zu zeichnen,
das Gesicht etwas länglicher.
Nichts Ernsthaftes.
Nichts, das plötzliche Unruhe auslöst.


Auf der Straße, ein beliebiger Tag,
treffe ich auf einen Freund,
den ich zehn Jahre nicht sah.
Das Haar ist dünn geworden.
Er hat zugenommen.
Er ist ergraut.
Aus seinem Gesicht, das nicht mehr jung ist,
sieht er mich staunend an.


Wir tauschen Grüße,
Umarmungen,
Scherze über das Vergehen der Zeit.
Dann
geht jeder seinen Weg.


Heute Nacht
vor dem Spiegel,
werde ich meinen,
dass ich gar nicht so übel aussehe,
dass zweifellos ich
weniger gealtert bin.
Während er,
seinem Bild zugewandt,
sich genau das Gleiche sagt....



Gioconda Belli

Sonntag, 22. Juni 2014

Sommer

die nächsten seerosen blühen
nachdem du gegangen bist
an grasbögen vorbei
durch den schwung blauer libellen
der see ein offenes buch
unter der kuppel aus luft



Hermann Josef Schmitz

Immer wieder lohnend, zum Gehen und Schauen: Der Burgäschisee