Samstag, 24. Januar 2015

Impressionen am Meer

1.

Am fernen Rand des matten Spiegels

versinkt die Sonne, aufgeheizte Kupferkugel,

Lautlos und still

Wie in das Meer versanken bärtige Könige

Mit grauer Lederhaut gemeinsam mit ihren Weibern,

Sklaven, Söhnen,

Sanken lautlos und still gleich

Abgegriffenen Spielkarten und leeren Apfelsinenschalen,

Geworfen über eines trägen Dampfers Bord.

Ein paar langsame Wellenkreise.

Schweigen, Glätte.



2.

Und wenn der Wind gegangen ist

Mitsamt der Sonne,

das fade Grau der Dämmrung antritt

Als Vorbote der Nacht, da steigen sacht

Knochen an des Wassers Oberfläche.

Rippen von gestorbnen Fischen und hier

Ein helles Schulterblatt

Von einem, der noch lange dasein hat gewollt.

Leise schaukelt die See den Rest des Menschen,

Der morgen hätte Herr sein sollen

über alle finstren Tiefen, und

Opfer wurde

Der wüsten Fluten, der kriegerischen Stürme.



3.

Gestern eine Bucht, heute der braune Rücken

einer Sandbank, morgen schon

An gleicher Stelle unkenntlicher Meeresboden

Oder Weide

Mit starren, schweren Kühen.

Rasch wandelt das Meer die Küste, und jeder Tag

Ist ungleich dem nächsten. Jedes Rascheln

In den dürren Kiefern heißt Veränderung.

Schneller als anderswo und

Eiliger als gewohnt.

Veränderung: Schrecken und Glück,

Festklammern und Springen.

Letzter Schrei. Erster Ruf. Leben.



Heiner Müller






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