Dienstag, 31. März 2015

Er ist's

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;  
Süße,  wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.  
Veilchen träumen schon,  
Wollen balde kommen.
-  Horch,  von fern ein leiser Harfenton! 
Frühling,  ja du bist' s!  
Dich hab' ich vernommen!



Eduard Mörike

Montag, 30. März 2015

Aufruf

die finger enden im gemisch der luft
streift die seele noch einmal über die bäume
der himmel trägt das dünne blau
von nacht zu nacht wie ein einsiedler
hinter den papiernen seiten liegen
die geschriebenen worte aus liebe und trauer
aufgezeichnete vermächtnisse an die vergänglichkeit
aufruf zum leben in die zukunft



                                                          zum Tod von Tomas Tranströmer


Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 29. März 2015

Präludium

Das Erwachen ist ein Fallschirmsprung aus dem Traum.
Frei vom erstickenden Wirbel, sinkt
der Reisende der grünen Zone des Morgens entgegen.
Die Dinge flammen auf. In der zitternden Position der Lerche
nimmt er die unterirdisch schwingenden Lampen
der mächtigen Baumwurzelsysteme wahr. Doch auf der Erde
steht – in tropischem Schwall – das Grün, mit
erhobenen Armen, lauschend
dem Rhythmus von einem unsichtbaren Pumpwerk. Und er
sinkt dem Sommer entgegen, wird hinabgelassen
in dessen blendenden Krater, hinab
durch Schächte von grünfeuchten Altern,
bebend unter der Sonnenturbine. Dann wird
diese senkrechte Fahrt durch den Augenblick aufgehalten, und die Flügel
breiten sich aus zum Ruhen des Fischadlers über einem strömenden Gewässer.
Der friedlose Ton
der Bronzezeit-Lure
hängt überm Bodenlosen.


In den ersten Stunden des Tages kann das Bewußtsein die Welt umfassen,
wie die Hand einen sonnenwarmen Stein ergreift.
Der Reisende steht unter dem Baum: Wird,
nach dem Sturz durch den Wirbel des Todes,
ein großes Licht sich entfalten über seinem Kopf?


Tomas Tranströmer (15.04.1931 – 26.03.2015)

Leuchtende Impressionen des 2. Wochenendes unserer Osterausstellung in Jegenstorf:















Samstag, 28. März 2015

Ein Gedeck aus Licht

windschieferziegel
ein warmes dach über dem kopf
hinter dem haus eine geschützte blume
die hand im schlaf ein sonnenversteck
langbeinige könige
im zimmer der erinnerung
ein gedeck aus licht



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 27. März 2015

Gleichgewicht

Eine Stunde entziehe ich mich
Den drängenden Tagesgeschäften
Und überprüfe mein Ich
Und suche mit allen Kräften
Den Sinn zu finden, der mich bindet
An dieses Leben, das ich lebe...
Die Schwäche, die mich quält, entschwindet
Im Wort, in das ich sie aufhebe.


Das wiederholt sich alle Tage:
Die Suche nach dem Gleichgewicht.
Ich balanciere, was ich trage,
Vorsichtig aus. Und mein Gesicht
Leistet ein Lächeln. Darauf zielen
Meine Versuche im Gedicht:
Nicht mit den Worten will ich spielen,
Sondern das Leben will ich zwingen,
Daß es sich in Gesang verwandelt:
So wie man handelt, wird es singen,
Und es bleibt stumm, wenn man nicht handelt.



Eva Strittmatter



In der wunderbaren Umgebung von Schloss Jegenstorf freuen wir uns auf das 2. Wochenende der Osterausstellung - vielleicht mit etwas Sonne. Viele Impressionen findet man auch hier.

Auf ein schönes Wochenende mit viel Gleichgewicht und Gesang.