Dienstag, 31. Oktober 2017

erstes sonnett

am reim erkennt man oft die zeile
auch an der wörter gleichen eile
am silbenschlag, der wie der takt
des drummers jene dichter packt
die nie beim jazz in ruhe bleiben
sondern es mit den beinen treiben
den füßen, die den boden schlagen
als könnten sie es nicht ertragen
baß, drums, trompeten, saxophonen
ohne bewegung beizuwohnen,
wir sind vom selben holz gemacht
ihr schlagt und heult, und in uns kracht
ohrenbetäubend tag und nacht
donner der sprache, heult und lacht.



Ernst Jandl



Die gleichen Plätze – ein anderes Licht, wechselnde Farben und zwischendrin das Schleifen des Windes, wenn er durch Bäume und Gräser geht und zwischendrin das Zittern des Wassers, wenn der Wind über die Haut streift:







Montag, 30. Oktober 2017

Rückgabe

in den hinterzimmern
geben sie die meinungen von gestern zurück
die unverbindlichkeit
ist längst zum maßstab der dinge geworden



Hermann Josef Schmitz




Sonntag, 29. Oktober 2017

Hypothetisches Sonnett

Wenn wir tiefer atmeten langsamer
gingen ruhiger führten unsere Augen
von einem zum anderen nur noch leise
sprächen und selten: ewig lebten wir


nicht aber ein bisschen ewiger doch
wie das Meer vielleicht oder sogar
wie Worte und Sätze vom Meer
oder dieser eine Nachmittag heute


an dem wir einander vergessen machen
was anderswo auch geschieht
dauerte sagen wir drei bis vier Wochen


die wiederum ein paar
doppelte dreifache Jahre oder
wenigstens: Jetzt.



Ulla Hahn

Samstag, 28. Oktober 2017

Findet sich Heimat

die farben falten sich auf weit liegt der glanz der zurückliegenden nacht über den blattgefüllten wegen unberührt hängt luft zwischen entleerten ästen unter den schritten schweigen die steine und gräser zwischen den ufern des flusses treiben die blätter vom strom des wassers gehalten nebel verbrennen am mittag und im licht verzehrt sich der glanz der in den nächten den menschunbewohnten nächten in den wäldern geboren wurde die farben falten sich auf die helligkeit formt wieder schatten die ein geflecht über die verschwommenen wege werfen lichtzeiger wandern meine sehnsucht findet eine treppe dein bild wird mir fassbar dein lachen faltet sich auf weit liegt dein glanz in meinen gedanken wohne ich unter dem blauen schirm wurzelt das herz findet sich heimat


Hermann Josef Schmitz

Freitag, 27. Oktober 2017

Für einen

Die Andern sind das weite Meer.
Du aber bist der Hafen.
So glaube mir: kannst ruhig schlafen,
Ich steure immer wieder her.


Denn all die Stürme, die mich trafen,
Sie ließen meine Segel leer.
Die Andern sind das bunte Meer,
Du aber bist der Hafen,


Du bist der Leuchtturm. Letztes Ziel.
Kannst Liebster, ruhig schlafen.
Die Andern … das ist Wellenspiel,


Du aber bist der Hafen.



Mascha Kaléko



Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende, vor allem mit denen, die Euch Hafen und Leuchtturm sind.






Donnerstag, 26. Oktober 2017

Einen weiten Blick

der wolkenhaut entledigt
wirft sich oktoberlicht ganz unbegrenzt
auf alle blätter und lockt aus ihnen
ihren letzten farbenglanz
schon wirken die vögel
in den schütteren bäumen wie fremde
aber das licht hüllt die schatten
zum letzten mal in ein warmes geflecht
und gibt dem tag ein unvergessliches erleben
und gibt mir einen weiten blick



Hermann Josef Schmitz


Ein düster-poetisches Buch über Gewohnheiten, Lebenslügen, Aufbrüche und ohne Happy-end:



Mittwoch, 25. Oktober 2017

Normalzustand

„Es ist immer gut, wenn wieder der Normalzustand eintritt.“


Sandra Hüller im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 21./22.10.2017

Dienstag, 24. Oktober 2017

Zugleich

wir standen
unter einem mädchenhaarbaum
schulter an schulter
kreuzten sich atemblätter
regenwind spreizte die flügel
waren wir uns freunde
und liebende in einer heimat
zugleich


Hermann Josef Schmitz