Donnerstag, 8. Mai 2014

Noch fürcht ich

Noch fürcht ich, dich mit dem Garn meines Atems zu binden,
dich zu gewanden mit den blauen Fahnen des Traums,
an den Nebeltoren meines finsteren Schlosses
Fackeln zu brennen, daß du mich fandest...


Noch fürcht ich, dich aus schimmernden Tagen zu lösen,
aus dem goldnen Gefälle des Sonnenflusses der Zeit,
wenn über dem schrecklichen Antlitz des Monds
silbrig mein Herz schäumt.


Blick auf und sieh mich nicht an!
Es sinken die Fahnen, verflammt sind die Fackeln,
und der Mond beschreiht seine Bahn.
Es ist Zeit, daß du kommst und mich hältst, heiliger Wahn!



Ingeborg Bachmann

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