Montag, 26. Juni 2017

Segen

nur eine schmale strasse
teilt die weiten felder
die am abend immer noch
in voller blüte stehen
ein warmes weiches licht
aus tausend tagessonnen
hebt sich hinauf
zum ersten rand der dämmerung
und wirft sich wie ein grosser segen
auf diese weiten felder
deren schlanke ähren
noch frisch und unbekümmert stehen
und wirft sich wie ein grosser segen
auf diese weiten felder
und treibt die reife
einer jeden ähre zu jenem tag
an dem die felder gross und hell
in reifem glanze stehen werden
wie eines jungen mädchens klarer blick
ins grosse unbekannte sein
von einem neuen leben



Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 25. Juni 2017

Du bist, als ob du segnen müßtest

Du bist, als ob du segnen müßtest
wen die Madonnen längst vergaßen;
und oft, im Sommer, wenn du wüßtest:
da kamst du von den Abendstraßen
so klar, als ob du Kinder küßtest,
die traurig wo am Saume saßen.


Und jeder Rhythmus, der verschwiegen
aus stillen Wiesen aufgestiegen,
schien innig sich dir anzuschmiegen,
bis alles Winken, alles Wiegen
nur in dir war und nirgends mehr.
Und mir geschah: die Welt verginge -
und das Vermächtnis aller Dinge,
ihr letztes Lied, bringst du mir her ...



Rainer Maria Rilke

Samstag, 24. Juni 2017

Laufwerk I

in die grauen luftfäden
fügen sich im wechselspiel die schritte
wache augen wandern über steine
streifen stämme zweige blätter


in die mageren lichtfäden
von frühe zu frühe springend
wachsen atemseiten zueinander
wechseln ihre worte ein und aus


in die stillen blutfäden
speichern sich die pulstöne
räumen alles graue aus den horizonten
weben aus der frühe einen neuen tag



Hermann Josef Schmitz


Und nochmals Hellmut Hattler mit der wunderbaren Fola Dada ... das ist die Musik, die mich am Freitagabend gerade sehr frisch hält.




Freitag, 23. Juni 2017

Was es wirklich bedeutet

Gedacht heißt nicht immer gesagt,
gesagt heißt nicht immer richtig gehört,
gehört heißt nicht immer richtig verstanden,
verstanden heißt nicht immer einverstanden,
einverstanden heißt nicht immer angewendet,
angewendet heißt noch lange nicht beibehalten.



Konrad Lorenz



In diesem Sinne ein sinnlich-wachsames Wochenende und viel Spielraum für die warmen Stunden.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Paradies

I

wunderbare lücken der stille
an einem nachmittag
geborgen in einer landschaft
in der sich der sommer formt



II

seitwärts lehnen sich die hohen bäume
an das geraspelte licht
am wolkengürtel wohnt die verheißung
aus dem ungesprochenen wort



III

in den zimmern ohne wände
der verweis an die gelistete zeit
ich lege ein album an
in dem die geflüsterten zärtlichkeiten wohnen



Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 21. Juni 2017

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.


Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.


Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehen.



Christian Morgenstern

Dienstag, 20. Juni 2017

Von einer anderen Güte

die erinnerungen verblassen
sie werden schmerzloser von jahr zu jahr
keine einzige stunde dieser zeit
birgt mehr gefahr als sonst
die liebenden mit ihrem leuchtenden vermächtnis
erinnern eine spätere fassung
die erkenntnisse bleiben unzeitgemäß
in ihren ungeschriebenen büchern
und die chronisten in mir
klagen über mangelnde wertschätzung
aber es ist von einer anderen güte
dieses leben heute fern der gespaltenen steine



Hermann Josef Schmitz

Montag, 19. Juni 2017

Sie war ein Blümlein

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.


Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.


Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.


Doch was am meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kam zuletzt.
Ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heißgeliebte Pflanze.



Wilhelm Busch





Sonntag, 18. Juni 2017

Am Abend

wurzele nahe
der dunklen malvenblüte
lege die schweren worte
in den schatten ihrer blätter
atme leise den schimmer
ihrer im wind zitternden blüte
wurzele nahe
dem aufgegangenen licht



Hermann Josef Schmitz