Montag, 5. Dezember 2016

Der Engel

Mit einem Neigen seiner Stirne weist
er weit von sich was einschränkt und verpflichtet;
denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
das ewig Kommende das kreist.


Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,
und jede kann ihm rufen: komm, erkenn –.
Gib seinen leichten Händen nichts zu halten
aus deinem Lastenden. Sie kämen denn


bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen,
und gingen wie Erzürnte durch das Haus
und griffen dich als ob sie dich erschüfen
und brächen dich aus deiner Form heraus.



Rainer Maria Rilke

Sonntag, 4. Dezember 2016

Gegenblick

alles verwebt sich
im grau der aufgezogenen himmelsbahnen
der letzte geruch der mandelblüte
die heimlichen horizonte auf der anderen seite
die scheuen worte ohne augenaufschlag
alles verwebt sich
im grau der sprachlosen tage
die gesänge der räuspernden ufer im winter
das unwiderrufliche leuchten der sterne
die ungesehenen umarmungen voller freude
alles verwebt sich
im grau der beipackzettel des lebens
die schlichtungen über die wahrheit hinaus
die vergessenen schatten der sommerbäume
dein aufgestützter blick in der nacht



Hermann Josef Schmitz



Vor lauter Abwesenheit in den letzten Tagen kam ich gar nicht dazu, zwei wunderbare Dinge zu erwähnen:

1. Die Lesung des virtousen und gleichzeitig unprätentiosen Peter Stamm in Neckarwestheim.

2. Das letzte diesjährige Serenadenkonzert von Cantus Avium in Neckarsulm. U.a. hat der beeindruckende Pianist Markus Herhoffer das nachfolgende Stück von Ludovico Einaudi gespielt. Da geht uns das Herz auf. Aber das tut es bei Cantus Avium immer wieder, weil sie uns am 27. Juli 2013 einen der schönsten Tage unseres Lebens so sehr bereichert haben.








Samstag, 3. Dezember 2016

Wie ich dich liebe!

Wie ich dich liebe!
Denn ich liebe alle dunkeln Fragen,
die die Wahrheit hinterm Auge tragen, –
und die Worte lieb' ich, die verschwiegen
auf dem Grunde einer Lüge liegen. –
Sag' mir nichts! – Ich will aus deinem Wesen
tief heraus mir jedes Goldkorn lesen; –
aus dem Schimmer der Verschwiegenheiten
will ich deiner Seele Bild bereiten; –
und es soll in meinem Herzen stehn,
hauchlos rein – und nur für dich zu sehn.



Erich Mühsam

Freitag, 2. Dezember 2016

Diese Zuversicht in Dir

in der schwere der tage
bleibt dennoch die gelegenheit
dem glück neue räume anzubieten
ihm gelegenheiten zu schenken
für sein ankommen und seine freude
in der schwere der tage
bleibt dennoch die gelegenheit
den blick aufzuheben für die besonderen momente
und wenn dann gar nichts bleiben sollte
dann bleibt mir doch immer
in der schwere der tage
mein blick auf dich
auf deine art und weise mit den menschen umzugehen
dein blick auf die andere seite der medaille
und wie du die welt in augenschein nimmst
und diese zuversicht
die immer in dir ist
das es dann auch wieder gut kommen wird
am ende der schwere



Hermann Josef Schmitz



Auf ein schönes 2. Adventswochenende mit vielen beschwingten und leuchtenden Momenten.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Nein!

Pfeift der Sturm?
Keift ein Wurm?
Heulen
Eulen
hoch vom Turm?


Nein!


Es ist des Galgenstrickes
dickes
Ende, welches ächzte,
gleich als ob
im Galopp
eine müdgehetzte Mähre
nach dem nächsten Brunnen lechzte
(der vielleicht noch ferne wäre).



Christian Morgenstern

Mittwoch, 30. November 2016

Befreit

ich habe dem stimmengewirr
den rücken gekehrt
ich habe die eingesperrte stille
aus ihrer kammer befreit
und bin den baumsäumen entlang
durch die wälder gelaufen
habe den leisen wassern
auf ihrer reise gelauscht
und bin stehen geblieben
als der wind worte auf die wolken schrieb
ich habe die aufgebrochene stille
meinen blutflüssen befohlen
und habe dem stimmengewirr
den rücken gekehrt



Hermann Josef Schmitz





Dienstag, 29. November 2016

erstes sonett

am reim erkennt man oft die zeile
auch an der wörter gleichen eile
am silbenschlag, der wir der takt
des drummers jene dichter packt
die nie beim jazz in ruhe bleiben
sondern es mit den beinen treiben
den füßen, die den boden schlagen
als könnten sie es nicht ertragen
baß, drums, trompeten, saxophonen
ohne bewegung beizuwohnen,
wir sind vom selben holz gemacht
ihr schlagt und heult, und in uns kracht
ohrenbetäubend tag und nacht
donner der sprache, heult und lacht.



Ernst Jandl

Montag, 28. November 2016

Ich bleibe dabei

mit jedem jahr schwindet
die hoffnung auf eine besinnliche zeit
die kaufhäuser werden grösser
und sie hören nicht auf
die angebote zu verschönern
mit jedem jahr leidet die stille
mehr denn je an platzmangel
die wirklichen fragen rücken
weiter in den hintergrund
nichts geschieht mehr zufällig
alles will berechnet sein
und dennoch bleibe ich dabei
und fülle mit jedem jahr
das kleine herz
mit hoffnung und mut



Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 27. November 2016

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:


Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.



Rainer Maria Rilke



Danke Jegenstorf! Wieder ein ganz schöner Weihnachtsmarkt und unaufhörlich hatten wir Besucher am Stand, gute Gespräche, schöne Verkäufe, eine teilweise sehr berührende Stimmung (Danke auch an alle, die musikalisch begleitet haben) und viel Freude. Wir kommen sehr gerne 2017 wieder.