Freitag, 31. August 2018

Finden

einen platz im leben finden
an dem sich mehr wiederholt als erneuert
einen platz im leben finden
an dem das herz ein wenig verwildern darf
und an manchen tagen
die andere seite des flusses in sichtweite gerät



Hermann Josef Schmitz



Auf ein Wochenende voller Heimat!

Donnerstag, 30. August 2018

Lied des Lebens

Flüchtiger als Wind und Welle
Flieht die Zeit; was hält sie auf?
Sie genießen auf der Stelle,
Sie ergreifen schnell im Lauf;
Das, ihr Brüder, hält ihr Schweben,
Hält die Flucht der Tage ein.
Schneller Gang ist unser Leben,
Laßt uns Rosen auf ihn streun.


Rosen; denn die Tage sinken
In des Winters Nebelmeer.
Rosen; denn sie blühn und blinken
Links und rechts noch um uns her.
Rosen stehn auf jedem Zweige
Jeder schönen Jugendtat.
Wohl ihm, der bis auf die Neige
Rein gelebt sein Leben hat.


Tage, werdet uns zum Kranze
Der des Greises Schläf' umzieht
Und um sie in frischem Glanze
Wie ein Traum der Jugend blüht.
Auch die dunkeln Blumen kühlen
Uns mit Ruhe, doppelt-süß;
Und die lauen Lüfte spielen
Freundlich uns ins Paradies.



Johann Gottfried Herder

Mittwoch, 29. August 2018

28082018 // S 01 M // 49:29

dich aushalten können im schrittgebälk morbide spaliere brennesseln harte gräser die schatten lange verse über ganze wege hinaus und im seelengepäck eine lange liste voll schöner begegnungen lichtungen aus erinnerungen sprünge in andere leben und wieder zurück wenn du den tag vor dir siehst wirst du warten und dich treiben lassen dich entfernen von  den gerüchten als wäre der sommer vorbei aber die tage reifen jetzt anders späte blüten neigen sich an verblühende blattfische später wirst du dich an luftstämme lehnen das schweigen verstehen und keine worte mehr suchen für das was sich hinter die augen legt wie aufgeschichtete tage deren gesichter aneinandergeschmiegt ein ganzes leben auffüllen morbide spaliere das späte glück wachsender bäume ein verlorener see lichtlinien zwischen den winzigen bewegungen des wassers als würden sich die steine bewegen tief unten signale schicken unmerklich schriftzüge aus einer anderen tiefe rückzüge ein zärtlicher gedanke ein sehnen eine ferne eine andere ferne und stille wenn du die tür öffnest und in die morgendämmernde stube trittst


Hermann Josef Schmitz

Dienstag, 28. August 2018

Spätsommer

Noch schenkt der späte Sommer Tag um Tag
Voll süßer Wärme. Über Blumendolden
Schwebt da und dort mit mildem Flügelschlag
Ein Schmetterling und funkelt sammetgolden.


Die Abende und Morgen atmen feucht
Von dünnen Nebeln, deren Naß noch lau.
Vom Maulbeerbaum mit plötzlichem Geleucht
Weht gelb und groß ein Blatt ins sanfte Blau.


Eidechse rastet auf besonntem Stein,
Im Blätterschatten Trauben sich verstecken.
Bezaubert scheint die Welt, gebannt zu sein
In Schlaf, in Traum, und warnt dich sie zu wecken.


So wiegt sich manchmal viele Takte lang
Musik, zu goldener Ewigkeit erstarrt,
Bis sie erwachend sich dem Bann entrang
Zurück zu Werdemut und Gegenwart.


Wir Alten stehen erntend am Spalier
Und wärmen uns die sommerbraunen Hände.
Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende,
Noch hält und schmeichelt uns das Heut und Hier.



Hermann Hesse

Montag, 27. August 2018

Trauen

nichts ist für immer sicher
kein tag wird dir beständigkeit bieten
aber du kannst darauf trauen
das mein herz das ruder übernimmt
wenn du müde geworden bist vom landgang
durch die verwundeten straßen der schattenstadt
nichts bleibt für immer gewiss
jeder tag wird mir ein wagnis vermachen
aber ich kann darauf trauen
das dein herz den fahrweg übernimmt
wenn mein rhythmus langsam geworden ist
vom grenzgang am rande des ausgelagerten lebens



Hermann Josef Schmitz


So ist das Emmental vor dem beginnenden Herbst ... die Landschaft nimmt einen ein und nimmt einen mit.


















Sonntag, 26. August 2018

Einsamer nie als im August

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde – im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?


Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?


Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge −:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.



Gottfried Benn

Samstag, 25. August 2018

Zeilen blühen

ich schreibe die freude
in eine bordüre von worten
zeilen blühen wie ein sommertag
die nächte bleiben kurz
ihre sternstunden
ihre erinnerungsseiten
aneinandergereihte beete
aus lichtmoos
leise flattern luftflaggen
in der frühe und werden
zu einer bordüre von worten



Hermann Josef Schmitz