Donnerstag, 28. Februar 2019

Bleiben

hinter dünnen schattenstellen
bleibe ich in der hoffnung auf einen horizont
an dem sich morgen wieder ein lichtstreifen entzündet
und die augen die stunde mit ihrem trommeln wecken
hinter deiner leisen herzwand
bleibe ich in der geborgenheit auf heimat
traue auf den morgen in dem sich worte öffnen
und die tröstung meine umgestürzten atem glättet


Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 27. Februar 2019

Nachtzauber

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie du's oft im Traum gedacht


Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen-
Komm, o komm zum stillen Grund!



Joseph von Eichendorff

Dienstag, 26. Februar 2019

Überschwemmt

du löschst die straßen dieses tages
auf weichen lippen entgleitet mir die nacht
sacht ducke ich mich unter deine wimpern
die augenräume senken sich hinab
du trägst die worte wie ein blumenlicht
die haut schmiegt unvollständig sich
entflammt in mir ein kleines sternendorf
und überschwemmt den grauen schnee

 

Hermann Josef Schmitz

Montag, 25. Februar 2019

Ich bin sehr müde

Mein Fenster lehnt sich weit in den Abend hinaus,
Die Wolken stehen über den Dächern, ein Blumenstrauß,
Die Luft streichelt mich und ist sanft und voll großer Güte.
Ich aber halte die Hände gefaltet, denn ich bin müde,
Und höre verwundert auf das beschwingte Schreiten
Der Menschen, die auf der Straße vorübergleiten,
So sehr sind ihnen heute die Glieder leicht.
Nur ich liege, schwergebettet in meine Müde.
Manchmal höre ich einen Schritt, der Deinem gleicht,
Dann bin ich, Geliebter, wie die Musik der Schritte leicht
Und wie die Wolken über den Dächern silberne Blüte.



Maria Luise Weissmann

Sonntag, 24. Februar 2019

Einhundertvierundvierzig

schon lange liest du keine zeitung mehr
die briefe werden kürzer die du schreibst
und langsam bewegt die hand sich in der angst
an deinem letzten ankunftsort
mit einem stillen tisch und einem müden atembett


schon lange liest du keine zeitung mehr
die wahrheit ist so wie du sie erzählst
die welt geht hinter einem langen fluss entlang
vor einer ungenauen dunkelheit
in einem entwurzelten raum und einem leeren alphabet


schon lange liest du keine zeitung mehr
die vergangenheit hat in dir eine kolonie eingerichtet
das bleibt als einzig sichere geborgenheit
vor einer unbekannten kreuzung
in einem kleid aus dünner haut und einem müden herz



Hermann Josef Schmitz

Samstag, 23. Februar 2019

Die Badewanne

Die Badewanne prahlte sehr.
Sie hielt sich für das Mittelmeer
Und ihre eine Seitenwand
Für Helgoländer Küstenland.
Die andre Seite - gab sie an -
Sei das Gebirge Hindostan
Und ihre große Rundung sei
Bestimmt die Delagoabai.
Von ihrem schmalen Ende vorn
Erklärte sie, es sei Kap Horn.
Den Kettenzug am Regulator
Hielt sie sogar für den Äquator.
Sie war - nicht wahr, das merken Sie? -
Sehr schwach in der Geographie.
Dies eingebildete Bassin,
Es wohnte im Quartier latin.



Joachim Ringelnatz

Freitag, 22. Februar 2019

Ungenaues Gebiet

immer sitzen wir in wartezimmern
zwischen ankunftszeiten und verabschiedungen
blass blühen die blumen des abschieds
die sehnsucht erwacht schon vor dem entstehen
und richtet sich in traumlosen nächten ein
immer sitzen wir in wartezimmern
tragen die angst wie eine wortlose schwärzung
hören die partitur eines anderen unerreichbaren lebens
nie kommen wir an in den sälen der wahrheit
bleibt das leben ein ungenaues gebiet



Hermann Josef Schmitz



Von Herzen wünsche ich Euch ein Wochenende voller Gegenwart und erstem Frühlingsgeruch.