Donnerstag, 18. April 2019

Rezept

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.


Sage nicht mein.

Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.


Es ist wahr, was sie sagen:

Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.
Erwarte nichts.


Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.


Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.


Zerreiß deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im großen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.


Mascha Kaléko


Ein paar Impressionen aus dem schönen Freiburg, das wir immer wieder gerne besuchen.












Mittwoch, 17. April 2019

Sie könnte all den Verlust beklagen

sie könnte all den verlust anklagen
aber die landschaft schweigt
trägt den schmerz wie eine neuvermessung in sich
ferne bleibt zunehmend auch in der nähe
straßennamen werden fremd 
worte haben den anschluss verloren
und die saturierten brüder kommen nicht mehr zusammen
wie die zeiten nicht mehr zusammen kommen können
stillstand rast über die bildschirme
und mittendrin schweigt die landschaft
über all die verluste die begradigten wege das beschnittene gras
die entnommene unberührtheit der dickichte
die blutleeren adern der verblühten erinnerung
nie rächt sie sich sondern vergeht wird weniger
draußen stehen hautlose rippenbögen
poröse echokammern vervielfältigen die müden herzschläge
ein wolkentorso stolpert über gefärbtes blau
und gras sehnt sich nach zärtlichkeit
sie könnte all den verlust anklagen
aber die landschaft begibt sich ins unbekannte
dort wo der himmel sich aufgehängt hat


Hermann Josef Schmitz

Dienstag, 16. April 2019

An die Musik

Musik: Atem der Statuen, vielleicht:
Stille der Bilder. Du Sprache, wo Sprachen
enden, du Zeit,
die senkrecht steht auf der Richtung vergehender Herzen.


Gefühle zu wem? O du, der Gefühle
Wandlung der was?: in hörbare Landschaft.
Du Fremde: Musik. Du uns entwachsener
Herzraum. Innigstes unser, das, uns übersteigend,
hinausdrängt -, heiliger Abschied:
da uns das Innre umsteht
als geübteste Ferne, als andre
Seite der Luft,
rein,
riesig,
nicht mehr bewohnbar.



Rainer Maria Rilke



Gelesen habe ich in den Wochen auch immer wieder - einmal mehr ein Krimi aus der Region. Und ein schon älteres Buch von Ulrich Woelk (dessen Buch "Der Sommer meiner Mutter" ich zuletzt durchaus lohnend fand), das aber sehr durchschaubar wirkt. Es hat mir aber durch das tolle Cover-Bild den Impuls gegeben, mich intensiver mit der Malerei von Tamara de Lempicka zu beschäftigen.