Mittwoch, 15. April 2026

April I

Praia de Falésia

sie tragen mehr seele in ihren bewegungen als ihr getragener wille verrät nichts gibt ihnen unbedingte freude die ansprüche sind hoch die fremden ansprüche die sie sich angeeignet haben die ihnen zugesprochen wurden und so leben sie zug um zug und versäumen die anspruchslose zeit der erfüllung weit weg von architektonischen meisterleistungen in denen sie wohnen den kalendern verpflichtet den ordnungen und verordnungen in der ferne liegt die anspruchslose zeit der erfüllung zwischen dem kommen und gehen der wellen zwischen den heiseren worten der möwen ihrer freiheit in den luftströmen aber sie leben für ein leben der ansprüche der trends und der zunehmenden bildschirmzeit in den nächten liegen sie wach die gedanken laufen sturm die sterne haben keinen zutritt mehr und so träumen sie längst ins leere und so versäumen sie die anspruchslose zeit der erfüllung dort wo die verbindungen nichts anderes benötigen als warmes licht auf der haut und die unbedingte bereitschaft sich vom leben verführen zu lassen


Hermann Josef Schmitz


Ein paar Eindrücke von diesem wunderbaren Flecken an der Algarve.




Montag, 13. April 2026

Loulė

I

die stadt empfängt dich mit warmen farben und blühenden straßen


II

einmal mehr betört das schwarze gold deine sinne aus den umtriebigen wochenendperspektiven voller routine auswege finden tonfolgen wieder erkennen in eine andere zeit deine frühere zeit eintauchen hinausfallen und hineinfallen in die sorgfältigen erinnerungen die in den vorderen regalen die die sich einen weg bahnen zwischen koblenz und loulė bis ins jetzt


III

sie haben die seltenen hochhäuser mit dem glanz von kacheln eine andere würde gegeben sie haben den seltenen hochhäusern einen platz im pulsierenden leben ermöglicht


IV

deine leichtigkeit gibt den grauen tagen ein warmes gesicht 


Hermann Josef Schmitz

Samstag, 11. April 2026

Lagos, Algarve

I

dieses genaue finden und dieses ungenaue suchen auf einer kleinen reise in den tag dem unbekannten eine tür öffnen unter dem grau geschliffenen himmel steht jahrtausende altes gestein schicht um schicht viele dekaden über das schweigen flattern seit jeher die wellen tragen ihr licht in alle fugen und überdauern alle erkennbare endlichkeit


II

an häuserufern vergehende farben die gefliesten fassaden überdauernde schönheit auf das kleine das scheinbar geringe schaute ich im vorbeigehen blühten die farben in den verborgenen winkeln


III

von dir sehen lernen wenn die tage regentropfen in die kalender schreiben von dir innehalten lernen und dich an manchen tagen lieben wie lange zuvor


Hermann Josef Schmitz

Donnerstag, 9. April 2026

18 Jahre Wortgarage

du trägst
die verschriebenen
worte
unter das fenster
leer geworden
erblassen sie
bis zur erinnerung
wir tauschen
du gibst
grün
für mein blau


Hermann Josef Schmitz


18 Jahre – die Wortgarage wird volljährig
😊. Sie bleibt auch nach dem weitgehenden Ausstieg aus dem Beruf unverändert ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Die Reise der Wortgarage geht unverändert weiter, an Worten, Gedanken, Ideen, Sätzen mangelt es mir nicht. Vor allem aber macht es mir Freude, hier einen Platz für meine Poesie zu haben.   

Jedes Jahr blogge ich am 9. April das obige Gedicht. Längst hat sich die Textfarbe und die Schriftart geändert, aber in seinem Ursprung bleibt es eben das erste Gedicht, mit dem sich die Wortgarage (damals noch unter einem anderen Anbieter) auf die Reise gemacht hat. Längst gibt es den ersten Gedichtband nicht mehr zu kaufen, aber über die Jahre hinweg sind viele neue Bücher und Karten entstanden. Gegen Ende dieses Quartals wird es neue Bücher geben, geplant ist ein Gedichtband und ein Buch mit ungeschliffener Kurzprosa.

Ich erinnere mich immer sehr gerne an das Entstehen der Wortgarage am Nachmittag des 9. April 2008. Meine wunderbare Frau war die Impulsgeberin. Wie sie überhaupt die Motivation dafür schuf, meinen Gedichten und Prosatexten einen größeren Raum zu geben und ihnen mehr Begegnung in Büchern und Postkarten zu verleihen.
Damals war das mein Beginn in der digitalen Welt meine Poesie zu platzieren. Inzwischen ist das zu einem viel größeren Ort der Begegnung geworden und ich freue mich über die Vielfalt der Gelegenheiten, über Poesie ins Gespräch zu kommen. Immer wieder erreiche ich bekannte und unbekannte Menschen – in der digitalen wie auch unmittelbaren Begegnung. Letztere geben sich manchmal nach Jahren zu erkennen – durch eine Mail, einen Kauf eines meiner Bücher oder auch durch eine persönliche Begegnung.

Viel Unfrieden und Zerstörung liegt in der jetzigen Zeit, viel Unsicherheit und Sorge – und gerade deswegen muss Poesie immer einen Platz haben dürfen, den Blick verändern für einen Augenblick genauso wie für eine lange Zeit. Raum geben für das Schöne und Zeitlose, Gedanken und Träume anlegen wie einen Horizont, der einmal nah und einmal weit erscheint und nichts beweisen muss. In allem auch immer begleitet von der Liebe, meiner Liebe zu den Menschen, der Natur, den Worten.

All den treuen Wortgarage-Leser*innen danke ich auch heute wieder sehr herzlich für 18 Jahre des Begegnens und Lesens.  Ich schreibe weiter, es gibt so vieles, für das die Worte einen Platz haben und dem Leben Wunder und Berührung schenken.

Meiner geliebten Herzdame – der großartigen Glaskünstlerin – danke ich unverändert für den damaligen Impuls zu bloggen, für dieses Begegnen und für die Reise, die uns gemeinsam inspiriert. Sie ist (m)eine wunderbare Frau und bereichert mich unverändert und unvermindert in meinem Denken, Wahrnehmen, Feiern und Lieben des Lebens.

Alles Gute, herzliche Grüße und auf ein weiteres poetisches Jahr.

Hermann Josef Schmitz


Mittwoch, 8. April 2026

Bitter

sie reden sich fadenscheinig
an dem begangenen unrecht entlang
auf dem doppelten boden
der bezahlten absicherung
kann ihnen nichts passieren
den ruinierten ruf
übertönt bereits am nächsten tag
eine andere lüge
zwischen zwei stühlen
leben sie heiter ohne moral



Hermann Josef Schmitz