Donnerstag, 21. Juni 2018

Wohin

luftmoos auf den dächern der frühe
und erinnerungen wie wellengänge
vergänglichkeit überholt den herzschlag
ein raunen ankert am ufer der bitten
wohin sollen die träume denn wandern
entlang der angeketteten verzweiflung



Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 20. Juni 2018

Lerche über mir

Wie gut wir zusammen gehn, du und ich,
auf dem langen Weg!
Wie genau fühle ich dich
ganz im Unwirklichen über mir, Lerche!
Die Zweige brechen
das ewig granatfarbne Licht
des Sonnenuntergangs. Und wir gehn,
bis es fast ein Wunder ist
wenn wir stehn bleiben eines Tags,
und ein Abenteuer, wenn wir uns ewig vergessen.



Ramón Guirao

Dienstag, 19. Juni 2018

Dort hinter der einen Stelle

von heimat träumtest du wieder und wieder
gingst über straßen die unverändert jahrzehnte durchstanden
menschen schienen nicht älter zu werden
meinungen reiften horizonte weiteten sich
bewegungen änderten sich im visier der großen flüsse
würdest du mit verspätung ankommen wollen 
mit einem blick über die unwiderstehlichen bäume
die lauten vögel hätten das orchester verlassen
und ein einziger ort würde in der bestimmung bleiben
dort hinter der einen stelle zwischen himmel und meer



Hermann Josef Schmitz

Montag, 18. Juni 2018

Entblösst

Die Blumen des Morgengrauns
kommen über das Meer
— Wellen und Wellen von
weißen Lilien —.
Der Hahn bricht aus in seinen
Trompetenruf von Silber.




—... Heute! sag ich zu dir
und rühre an deine Seele —.



Deine malvenfarbne Nacktheit
unter den Pinien,
deine Füße in dem bereiften
zärtlichen Gras,
deine Haare, grün
von feuchten Sternen.



—... Du fliehst und
sagst mir: morgen! —



Der Hahn bricht aus in seinen
Trompetenruf von Flamme,
und das volle Morgenrot,
am Scharlachhimmel singend,
steckt seine Feuer an den
schmeichelnden Zweigen an...



— ... Heute! sag ich zu dir
und rühre an deine Seele —.



Ach, die Sonne ist aufgegangen,
deine vergoldeten Tränen,
die ungeheuren Augen
deines Zaubergesichts,
die glühend meine schwarzen
Blicke vermeiden.



— ... Du fliehst und
sagst mir: morgen! —




Juan Ramón Jiménez