zwischen tabellen und erfolgsberichten
lebst du in der gefangenschaft von programmen
sie bestimmen dein leben deine pläne und ziele
um den verpflichtungen gerecht zu werden
die andere dir selbst auferlegt haben
zwischen meldungen und newslettern
die längst niemand mehr lesen mag
erzwungene freizeitprogramme mit anleitungen
gefangen in hochauflöslichen bildschirmen
und diese nicht endende müdigkeit schon vor dem start
Hermann Josef Schmitz
Wortgarage
Montag, 16. Februar 2026
Gefangen
Samstag, 14. Februar 2026
Cézanne
I
Montagne Saint-Victoire
die blicke unzählig tagelang sich veränderndes licht und kein blick wie der
andere sich veränderndes blau zaghaft in mancher stunde später üppig nachts
stahlblau und unter den sternen kalkgebirge eine bedeutung bekommen eine
deutung hinter den unzähligen versuchen eines gelingens unverändert bleibt die
landschaft der stein wächst jahrtausendelang nur im stein und die bäume
überdauern die jahrhunderte zwischen sich veränderndem licht zaghafte gräser
sie werden sich fügen still werden wenn die strengen luftzüge den grat der
gebirge beschwören nichts kann der vollendung eine kränkung zufügen hinter dem
letzten farbstrich stunden tage monate bis die zeit reifte jetzt ist die
zukunft gegenwart um gegenwart und ein bewundern legt sich auf das hellen gestein
II
hinter dem scheuen maskierten blick
liegt ein inneres verzeihen
dem scheinbar immerwährenden gehorsam
schuldet sie schon lange nichts mehr
als wären es die strengen zeiten
die den blick einzwängten
es sind die ungelebten träume sehnsuchtsvoll
aber der gelbe sessel bleibt ihr schatz
der alles ungesagte hinter ihr birgt
und den geregelten atem dieser tage schützt
ein gescheitelter blick ins ungewisse
unberührt die augen die gepanzerte haut
wohin wandern die tage des anfangs
am ende der sehnsucht
wenn die fragen bleiben
ohne eine suche nach antworten
Hermann Josef Schmitz
Aus Gründen bin ich vorsichtig geworden mit dem Veröffentlichen von Fotos, die künstlerisches Eigentum dokumentieren, und daher gibt es hier nur die Innenseite des Katalogs als Hinweis auf die Cézanne-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen. Ich bin nicht der Cézanne-Fan, aber sowohl das sich wiederholende Motiv Montagne Saint-Victoire als vor allem auch das Bild Madame Cézanne à la chaise jaune (ich hatte das vor einigen Jahren schon einmal gesehen, weil es zur Sammlung der Fondation gehört, haben mich sehr angesprochen und einmal mehr zum Schreiben inspiriert. Zu dem Bild Madame Cézanne à la chaise jaune musste ich trotz sehr voller Räume 3x zurückkehren, es hat für mich etwas Faszinierendes, dessen Ursprung ich gar nicht beschreiben kann. Aber das ist eben manchmal so.
Donnerstag, 12. Februar 2026
Februarstille
diese februarstille am morgen
noch schlingert die luft in den stundenkurven
die vogelstimmen scheinen wie ausgelöscht
die entblößte landschaft kennzeichnen
schürfwunden und zerklüftungen
diese februarstille am morgen
noch sind die atemzüge ungeordnet
gleiten die träume ins irrlicht der mündungen
zeichnen versionen von aufsteigender hoffnung
ein bild von wilden vögeln und wilden rosen
Hermann Josef Schmitz
Dienstag, 10. Februar 2026
Februar I
mäandernde flussreste unter den steinen liegen
die geschichten der jahrtausende ihr fließen ihr flüchten nur scheinbar
begraben heute hat die traurigkeit einen milden verlauf niemand bedroht die aufgefrischten
gefühle die im alltag nach ihrer bewährung suchen im schaufenster hat sich die
angst verkleidet aber es gibt keine ausverkaufspreise für sie einer hydra
gleich füllen sich die regale immer wieder neu heute kaufe ich nichts auch
nicht gegen meinen willen sondern traue den verwirrungen mit einer unbekannten
leichtigkeit mäandernden flussinseln zugleich eine flüchtigkeit und ein
innehalten zwischen den kieseln haben sie sich eingerichtet bis die
schneekristalle sich wandeln und von den bergen ein uferloses treiben entsteht
ein schwemmen alle furchen füllt heute hat die traurigkeit einen milden verlauf
und der himmel arbeitet sich ins blaue hinein
Hermann Josef Schmitz
