Mittwoch, 29. April 2026

Schatten lösen sich

jetzt ruht der kühle nordwind
in einer ecke hinterm haus
jetzt leuchten große linden nur für sich
und dennoch ist ein großes freuen
unter all den wintermüden menschen aufgewacht
jetzt segeln wolken wie von selbst
in eine ungewisse blaue stille
aus einem chor von schnabeltönen
entstehen melodien in der mittagsstunde
und hinter häusermauern
entweichen menschen wieder ihrer lethargie
umarmen sich und küssen sich
wenn sie den lippen des aprils begegnen
jetzt füllt die wärme alle dunklen stellen
und schatten lösen ziellos sich in eine ferne 



Hermann Josef Schmitz


Heute gesellen sich wieder 5 Bücher in diesen Post, die ich im März und April gelesen habe; 5 Bücher, in denen sich die Schatten nicht immer lösen:

«Der Sommer, in dem wir uns verloren» von Martin Bartholme

Ich habe die beiden vergangenen Bücher von Martin Bartholme mit seinen Kurzgeschichten sehr gerne gelesen. Sie haben mich in meine Jugend zurückgeholt. Und so geht es mir auch mit seinem ersten Roman. Die Rückkehr im Roman von Kai in die Heimat nach 20 Jahren erinnert mich auch wieder an die Zeit, als ich noch zu Hause wohnte. Erinnert an die Pläne, an den ersten Kuss, an die ungeahnten Gefühle. In seinem 3. Buch verbindet Martin Barthome im Wiedersehen von Kai mit den Besten seiner Zeit an einem Abend Vergangenheit und Gegenwart, entblößt die blinden Flecken, die in den zwischenmenschlichen Verbindungen geblieben waren und hinterlässt Klarheit und damit auch Schmerz, Liebe und eine leise Zärtlichkeit. Eine Liebe und Zärtlichkeit, die zu einem der Freunde der Vergangenheit auch über den Tod hinaus bleibt.
Kommt auf jeden Fall in meine Top 20 am Jahresende.
 

«Irre Wolken» von Markus Berges

Markus Berges ist der Sänger der Kölner Indie-Band Erdmöbel. Und schreibt Romane. «Irre Wolken» ist bereits sein drittes Buch. Der Inhalt: Ein schüchterner 19jähriger Zivildienstleistender 1986 (im Tschernobyl-Jahr) in der Psychiatrie verliebt sich in eine etwas ältere Patientin, die unter atomaren Wahnvorstellungen leidet. Und das kann nicht nur gut gehen.
Ein Roman über Ausbrüche, erste Lieben, Rollenwechseln und die Erinnerung an eine Zeit von vor 40 Jahren. Wird Zeit, mir eine Platte von Erdmöbel zu kaufen und einen weiteren Roman.


«Altern»
von Elke Heidenreich

Elke Heidenreich – das habe ich hier sicher schon mal erwähnt, war in den 70er Jahren eine meiner Radio-Moderator:innen-Idole. Sie moderierte wechselweise mit dem kürzlich verstorbenen Frank Laufenberg wunderbare Pop- und Rocksendungen. «Altern» ist ein entspannter und vielfältiger Blick auf die späte Lebensphase ihres eigenen Lebens, verbunden mit der Reflektion von Gesellschaft und Umfeld. Das gelingt ihr gut, sie hinterlegt viele literarische Stellen und macht deutlich, dass wir selbst entscheiden, wie wir uns in dieser Lebensphase aufstellen und was uns möglich ist. Zum einen kann ich es mit knapp 66 gut lesen, aber es gab für mich auch Momente, in denen ich dachte: Das ist noch nicht ganz meine Zeit (sie schrieb es mit 80).


«Ein Sommerabend» von Cécile Tlili

Eigentlich wollte ich das Buch mit in den Urlaub nehmen, aber das war nicht möglich. Weil es mich nach dem „Anlesen“ so schnell packte, dass ich die 192 Seiten noch zu Hause lesen musste
😉.
Es handelt sich um das scheinbar harmlose Essen zweier Paare, das sich schnell zu einem dramatischen und irgendwo auch sehr guten Lauf entwickelt. Zunehmend wird transparent, wie viel gemeinsame Vergangenheit hier vorhanden ist, wie viele Masken getragen worden sind und was geschieht, wenn sich vieles schmerzhaft zu entblößen beginnt. Starkes Buch – mein bestes im April 2026.

 
«Hörst du den Schrei?» von Jørn Lier Horst und Jan-Erik Fjell

Buch Nr. 5 schenkte mir die Herzdame zu Ostern und musste mit an die Algarve. Urlaube eignen sich für Krimis sowieso 😉. «Hörst du den Schrei?» ist eine eher ungewöhnliche Krimi-Version. Ein Podcaster, der selbst die Ermittlungen in einem ColdCase wieder aufnimmt, nachdem sich eine Journalistin für die Fall interessiert. Der seinerzeit Verurteilte scheint nicht der tatsächliche Täter zu sein und nachdem die Journalistin ums Leben kommt, wird der Fall für den Podcaster sehr interessant. Gut zu lesen, aber manchmal auch fern der Legalität und Realität.