jetzt ruht der kühle nordwind
in einer ecke hinterm haus
jetzt leuchten große linden nur für sich
und dennoch ist ein großes freuen
unter all den wintermüden menschen aufgewacht
jetzt segeln wolken wie von selbst
in eine ungewisse blaue stille
aus einem chor von schnabeltönen
entstehen melodien in der mittagsstunde
und hinter häusermauern
entweichen menschen wieder ihrer lethargie
umarmen sich und küssen sich
wenn sie den lippen des aprils begegnen
jetzt füllt die wärme alle dunklen stellen
und schatten lösen ziellos sich in eine ferne
Hermann Josef Schmitz
Heute gesellen sich wieder 5 Bücher in diesen Post, die ich im März und April gelesen habe; 5 Bücher, in denen sich die Schatten nicht immer lösen:
«Der Sommer,
in dem wir uns verloren» von Martin Bartholme
Ich habe die beiden vergangenen Bücher von Martin Bartholme mit seinen
Kurzgeschichten sehr gerne gelesen. Sie haben mich in meine Jugend
zurückgeholt. Und so geht es mir auch mit seinem ersten Roman. Die Rückkehr im
Roman von Kai in die Heimat nach 20 Jahren erinnert mich auch wieder an die
Zeit, als ich noch zu Hause wohnte. Erinnert an die Pläne, an den ersten Kuss,
an die ungeahnten Gefühle. In seinem 3. Buch verbindet Martin Barthome im Wiedersehen
von Kai mit den Besten seiner Zeit an einem Abend Vergangenheit und Gegenwart,
entblößt die blinden Flecken, die in den zwischenmenschlichen Verbindungen geblieben
waren und hinterlässt Klarheit und damit auch Schmerz, Liebe und eine leise
Zärtlichkeit. Eine Liebe und Zärtlichkeit, die zu einem der Freunde der Vergangenheit
auch über den Tod hinaus bleibt.
Kommt auf jeden Fall in meine Top 20 am Jahresende.
«Irre Wolken» von Markus Berges
Markus Berges ist der Sänger der Kölner Indie-Band Erdmöbel. Und
schreibt Romane. «Irre Wolken» ist bereits sein drittes Buch. Der Inhalt: Ein
schüchterner 19jähriger Zivildienstleistender 1986 (im Tschernobyl-Jahr) in der
Psychiatrie verliebt sich in eine etwas ältere Patientin, die unter atomaren Wahnvorstellungen
leidet. Und das kann nicht nur gut gehen.
Ein Roman über Ausbrüche, erste Lieben, Rollenwechseln und die Erinnerung an
eine Zeit von vor 40 Jahren. Wird Zeit, mir eine Platte von Erdmöbel zu kaufen
und einen weiteren Roman.
«Altern» von Elke Heidenreich
Elke Heidenreich – das habe ich hier sicher schon mal erwähnt, war in den 70er
Jahren eine meiner Radio-Moderator:innen-Idole. Sie moderierte wechselweise mit
dem kürzlich verstorbenen Frank Laufenberg wunderbare Pop- und Rocksendungen. «Altern»
ist ein entspannter und vielfältiger Blick auf die späte Lebensphase ihres
eigenen Lebens, verbunden mit der Reflektion von Gesellschaft und Umfeld. Das gelingt
ihr gut, sie hinterlegt viele literarische Stellen und macht deutlich, dass wir
selbst entscheiden, wie wir uns in dieser Lebensphase aufstellen und was uns
möglich ist. Zum einen kann ich es mit knapp 66 gut lesen, aber es gab für mich
auch Momente, in denen ich dachte: Das ist noch nicht ganz meine Zeit (sie
schrieb es mit 80).
«Ein Sommerabend» von Cécile Tlili
Eigentlich wollte ich das Buch mit in den Urlaub nehmen, aber das war
nicht möglich. Weil es mich nach dem „Anlesen“ so schnell packte, dass ich die
192 Seiten noch zu Hause lesen musste 😉.
Es handelt sich um das scheinbar harmlose Essen zweier Paare, das sich schnell
zu einem dramatischen und irgendwo auch sehr guten Lauf entwickelt. Zunehmend
wird transparent, wie viel gemeinsame Vergangenheit hier vorhanden ist, wie
viele Masken getragen worden sind und was geschieht, wenn sich vieles schmerzhaft
zu entblößen beginnt. Starkes Buch – mein bestes im April 2026.
«Hörst du den Schrei?» von Jørn Lier Horst und Jan-Erik Fjell
Buch Nr. 5 schenkte mir die Herzdame zu Ostern und musste mit an die Algarve. Urlaube eignen sich für Krimis sowieso 😉. «Hörst du den Schrei?» ist eine eher ungewöhnliche Krimi-Version. Ein Podcaster, der selbst die Ermittlungen in einem ColdCase wieder aufnimmt, nachdem sich eine Journalistin für die Fall interessiert. Der seinerzeit Verurteilte scheint nicht der tatsächliche Täter zu sein und nachdem die Journalistin ums Leben kommt, wird der Fall für den Podcaster sehr interessant. Gut zu lesen, aber manchmal auch fern der Legalität und Realität.