Donnerstag, 4. Juni 2026

Moosgrün

auf meinem herzen
wächst eine flechte von dir
aus moosgrüner zuversicht



Hermann Josef Schmitz


Es wird wieder Zeit, gelesene Bücher vorzustellen 😊:

«Schönwald» von Philipp Oehmke

Oehmkes Roman lag eine Weile auf meinem Bücherstapel, bis ich ihn lesend zu fassen bekam. Die Geschichte einer deutschen Familie, die über Jahrzehnte vieles in Schweigen gehüllt hat. Was mit der Eröffnung eines queer-feministischen Buchladens beginnt, die durch einen aktivistischen Farbanschlag gestört wird, löst zunehmend das Schweigen auf. Der Blick ins Dunkle, ins Abgründige, das jedes Familienmitglied in und mit sich trägt, ist auch ein Blick auf die Gesellschaft und die ausgesprochenen und unausgesprochenen Wahrheiten und Unwahrheiten. Der Schluss lässt bei allem dennoch eine Grundfrage offen, die bereits zu Beginn im Raum steht. Sehr lesenswert.


«Ava liebt noch» von Vera Zischke

Ava ist in ihrem Leben als Mutter seit vielen Jahren wie eingefroren. Als Frau eines Karriere machenden Anwalts versorgt sie drei Kinder, arbeitet in Teilzeit und lebt in einer andauernden Erschöpfung. Die Affäre mit einem 19 Jahre jüngeren Mann bringt sie in ein Spannungsfeld von aufbrechender Sehnsucht, Lebensfreude, Sorge und Angst. Das Buch begleitet die Protagonistin über 20 Jahre lang und stellt immer noch vorhandene Selbstverständlichkeiten über Familienverantwortung, Karriereplanungen und Lebensentwürfe in einen fragenswerten Raum.
Auch nach dem Lesen finde ich keine Antwort, ob es mir gut oder mittelprächtig gefallen hat, weil es auch Anteile von Trivialität hat.


«Ostseehölle» von Eva Almstädt

Eva Almstädts Krimis sind für mich eine sichere Bank für starke Spannung. In ihrem inzwischen 21. Fall ermittelt die Kommissarin Pia Korittki in einem Mordfall, der sich in der Marienkirche in Lübeck zugetragen hat. Eine Teilnehmerin des Kirchenchores wird nach einer Turmführung ermordet. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, weil sie zurückgezogen lebte und es damit wenig Informationen über sie gibt. Eva Almstädt beschreibt Verdachtsmomente, ermittelt zwischen und in Beziehungen und legt einen langen Spannungsbogen an.
Für mich eine leichte Abwechslung zu den beiden folgenden Büchern gewesen.


«Ein wenig Leben» von Hanya Yanagihara

Vorab: Wer keine expliziten Schilderungen über Selbstverletzungen, Suizidgedanken etc. ertragen kann, sollte «Ein wenig Leben» nicht lesen. 
Ich habe das Buch 2025 zum Geburtstag geschenkt bekommen, im Herbst 2025 ca. 300 Seiten gelesen und es dann lange weggelegt. Die weiteren über 600 Seiten haben mich dann aber nicht mehr losgelassen, auch wenn ich es nur in Etappen lesen konnte.
Die Handlung: Das Leben eines hochintelligenten Anwalts und die Verbindung zu seinen drei Freunden. Jude, die Hauptperson wurde als Kind missbraucht und hat neben körperlichen Schädigungen dadurch immer wieder große psychische Probleme. Gleichzeitig ist er als Anwalt sehr erfolgreich. Persönlich erfährt er als Erwachsener viel Liebe und Zuwendung, herzensgute Menschen sind immer wieder in Sorge zu ihm. Aber die Abgründe lassen sich nicht schließen und er lässt die ihn liebenden Menschen nur begrenzt in seine Abgründe schauen. Es ist ein Roman, der sehr spürbar war und der mich am Schluss zum Weinen gebracht hat.


«Unschuld» von Takis Würger

«Für Polina» gehört für mich unverändert zu den Büchern des Jahres 2026. Deshalb wollte ich unbedingt lesen, was Takis Würger vorher geschrieben hat. «Unschuld» ist ein anderes Genre, es ist ein Krimi oder kommt dem nahe.
Die Hauptdarstellerin hat 35 Tage Zeit, um die Unschuld ihres am Huntington Syndrom erkrankten Vaters zu beweisen, der wegen Mordes an einem 16-jährigen im Gefängnis sitzt.
Sie ist von seiner Unschuld überzeugt. Unter einem falschen Namen beginnt sie als Hausmädchen für die sehr reiche und bestens situierte Familie des getöteten Jungen zu arbeiten.
Thematisch verknüpft Würger für mich eher zu viele weitere Themen, die aber in den USA alle relevant sind: den Missbrauch von Betäubungsmitteln, die Stärke der Waffenlobby, den Niedriglohnsektor und die Todesstrafe.
Ich brauchte bisschen Anlauf und dann baute sich eine gute bis sehr gute Spannung auf. In der Summe auf jeden Fall mehr als ein Krimi.