Montag, 15. April 2024

April I

stille nachtmeere inverse luftströme temporär verschwundenes blau hinter den fenstern tragen die einen kränkungen als botschaften in das andere herz während die anderen schweigen das ist ein vielfaches schlimmer lädierte umgangsformen abgehängte seelen bittere erkenntnisse hinter den glücklichen fassaden verschieben sich die gewissheiten menschen lassen sich blenden wahrheiten haben sich verändert die widerstände sind müde geworden träumende zahlen polierte hochsitze verlorene augenhöhen hinter den randbemerkungen lassen sie menschen fallen werden falsche versprechungen zum offenen geheimnis entweihen sie herzräume um platz für ihre gewinne zu schaffen laute nachtschleusen parlierende sterne in den wäldern bruchholz


Hermann Josef Schmitz

Samstag, 13. April 2024

Das schönste Versprechen

brüchiges gelb der aufgehenden rapsfelder
an den abbruchkanten des winters
wachsen schimmernd schön grüne spitzen
dir aus dunkler rauher erde
sehnsucht weitet sich an haltestellen
während die atemwege verschatten
machen sie dich zum aktenzeichen
einer ungenauen diagnose
zwischenstationen keine landefähren in sicht
aber das wiederkehrende schönste versprechen
einer zeit die frühling heißt und so betört



Hermann Josef Schmitz


Es wird mal wieder Zeit, gelesene Bücher vorzustellen:

«Sommer bei Nacht» von Jan Costin Wagner

Jan Costin Wagner schreibt anders, tiefgründiger, einfühlsamer und gleichzeitig abgründiger. Hier geht es um das Verschwinden eines 5-jährigen Jungen, den seine Mutter nur momentlang aus dem Blick hatte. Die beiden Ermittler stoßen auf ihrer Suche auf einen ungelösten Fall eines anderen vermissten Jungen. Wagner verknüpft den Missbrauch mit weiteren brisanten Themen und teilweise sehr tiefen Ängsten. Ich habe vor einer Weile schon mal einen Krimi um einen finnischen Kommissar von ihm gelesen und bin gespannt auf weitere Krimis mit dem Ermittlerduo dieses Buches.


«Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse» von Maxim Leo

Was für ein wunderbarer Roman um einen erfolglosen Videothekenbesitzer, der angefeuert von der Sensationsgier eines Journalisten zum Hochstapler wird. Auf einem Fehler basierend, hatte er als Stellwerksmeister einen Zug fehlgeleitet und damit 127 Menschen ungewollt zur Flucht verholfen (die aber dann mehrheitlich freiwillig zurückkehrten). Ein Journalist entdeckt den Fall in den Stasiakten und dann gibt es kein Zurück mehr. Bis der Protagonist sich in eine Frau verliebt, die in dem fehlgeleiteten Zug saß und sich entscheiden muss. Tolles Buch, rasant, humorvoll und mit einem Ende, das hier nicht verraten wird
😉.


«Die Nacht unterm Schnee»
von Ralf Rothmann

Was für ein weiteres starkes Buch von Ralf Rothmann über die Nachkriegszeit und die Verletzungen, die sich in vielen Figuren widerspiegeln. Vor allem aber in der Hauptperson, der Bäuerin Elisabeth, die im Krieg vergewaltigt und verwundet wurde und dieses Trauma nie wirklich verliert. Lebenslang lebt sie zwischen harter Arbeit gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern und den Vergnügungen des Rummels und kommt weder da noch dort an. Einmal mehr macht dieser Roman deutlich, dass die Gräuel eines Krieges nicht verschwinden, sondern je nach Erleben bitterste und schwerste Wunden hinterlassen.


«In den Wäldern der Biber» von Franziska Fischer

Ein entspannter und ruhiger Roman, der einen gut aus dem Alltag ziehen kann, aber für mich auch in einer absehbaren Durchschnittlichkeit blieb. Die Hauptperson, Anfang 30, zieht nach dem Bruch ihres bürgerlichen Lebens in Frankfurt zunächst vorübergehend zu ihrem Großvater in ein kleines brandenburgisches Dorf. Zwischen Hühnern, Gartenernte, Wäldern und Biber findet sie sich, löst ihre Vergangenheit Schicht für Schicht auf und verliebt sich.

Donnerstag, 11. April 2024

Bonamassa, Köln

es ist ein beben
das aus seinen adern treibt
sich über alle saiten
in die großen säle trägt
er liebt die fülle
liebt die vielen möglichkeiten
die tausend töne
die ein großes klangwerk bilden
es ist ein beben
das in viele tausend herzen treibt
und tief in seinen adern
schwebt das ungesühnte blut
aus einer anderen dunklen zeit



Hermann Josef Schmitz

Dienstag, 9. April 2024

16 Jahre Wortgarage

du trägst
die verschriebenen
worte
unter das fenster
leer geworden
erblassen sie
bis zur erinnerung
wir tauschen
du gibst
grün
für mein blau


Hermann Josef Schmitz


Manchmal kann ich es kaum glauben, dass ich heute vor 16 Jahren begonnen habe zu bloggen. Es ist irgendwann zu einer Selbstverständlichkeit geworden und das Schreiben für sich ein immerwährender Bestandteil meines Lebens.

Jedes Jahr blogge ich am 9. April das obige Gedicht. Längst hat sich die Textfarbe und die Schriftart geändert, aber in seinem Ursprung bleibt es eben das erste Gedicht, mit dem sich die Wortgarage (damals noch unter einem anderen Anbieter) auf die Reise gemacht hat. Längst gibt es den ersten Gedichtband nicht mehr zu kaufen, dafür aber viele andere und ich schreibe gerade wieder einen 366-Zeilen-Jahresblog (https://imgartenderzeitbliebichundwuchs.blogspot.com/ - heute der 100. Eintrag).

Ich erinnere mich immer sehr gerne an diesen Tag. Annemarie meine Herzdame war die Impulsgeberin. Wie sie überhaupt die Motivation dafür schuf, meinen Gedichten und Prosatexten einen größeren Raum zu geben und ihnen mehr Begegnung in Büchern und Postkarten zu verleihen.
Damals war das mein Beginn in der digitalen Welt meine Poesie zu platzieren. Inzwischen ist das zu einem viel größeren Ort der Begegnung geworden und ich freue mich über die Vielfalt der Gelegenheiten, über Poesie ins Gespräch zu kommen. Nicht nur über den Blog, sondern auch über Facebook und Instagram. Auf allen Plattformen erreiche ich bekannte und unbekannte Menschen. Letztere geben sich manchmal nach Jahren zu erkennen – durch eine Mail, einen Buchkauf oder auch durch eine persönliche Begegnung.

Die Zeiten werden rauh bleiben – und gerade deswegen muss Poesie immer einen Platz haben dürfen, den Blick verändern für einen Augenblick genauso wie für eine lange Zeit. Raum geben für das Schöne und Zeitlose, Gedanken und Träume anlegen wie einen Horizont, der einmal nah und einmal weit erscheint und nichts beweisen muss.

All den treuen Wortgarage-Leser*innen danke ich sehr sehr herzlich für 16 Jahre des Begegnens und Lesens in der Wortgarage.  Ich schreibe weiter, es gibt so vieles, für das die Worte einen Platz haben und dem Leben Wunder und Berührung schenken.

Meiner geliebten Herzdame und Ehefrau – der großartigen Glaskünstlerin – danke ich unverändert für den Impuls zu bloggen, für dieses Begegnen und für die Reise, die uns gemeinsam inspiriert. Sie ist (m)eine wunderbare Frau und bereichert mich unverändert und unvermindert in meinem Denken, Wahrnehmen, Spüren und Lieben des Lebens.

Alles Gute, herzliche Grüße und auf ein weiteres poetisches Jahr.

Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 7. April 2024

Gegen den Zyklus der Herden

gegen den zyklus der herden
eine strecke ins unbekannte führen lassen
den eigenen erfahrungen trauen
das schöne hinter dem schönen aufspüren
und gegen den zyklus der herden
den gedanken einen eigenen weg anvertrauen
der bitternis einhalt gebieten
die lippen der geliebten wärmen
und gegen den zyklus der herden
dem leben die hände reichen
mit der sprache die stille formen
sein wie ein aufblühender birnbaum



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 5. April 2024

Stolz

du bist dir selbst am treuesten
liebst ungehindert dieses lebens schönheit
du wirst den menschen täglich zum geschenk
mit hellen worten offenen augen
und mit aufgehaltenen händen
du trägst mehr sommertage in dir
als je kalender festgeschrieben haben
weil du dem leben immer mehr vertraust
als aller pessimisten widerspruch



Hermann Josef Schmitz


Habt ein gutes Wochenende mit viel Optimismus und optimistischen Menschen an Eurer Seite.

Mittwoch, 3. April 2024

Wie etwas entsteht

den verdacht anlegen
wie einen beschwerenden stein
den es selbstgewählt zu tragen gilt
verknotete gedanken nicht mehr auflösen
steigerungen anlegen
wie ein schwelendes gerücht
den hellen tagen schatten schminken
und den frohen worten bedenken
den verdacht anlegen
bis zur unbegründeten lüge wurzeln



Hermann Josef Schmitz

Montag, 1. April 2024

Hindurch gehen

sie trägt den schmerz
wie eine rose
in der warmen hand
sie bleibt sich treu
und ohne unterlass
auf ihrem eigenen weg
sie liebt die stärke
wie eine auszeichnung
von sich selbst
sie trägt den schmerz
als flüchtige trophäe
durch die schattenzeit



Hermann Josef Schmitz

Samstag, 30. März 2024

Aufgehendes Wunder

nichts bereitet den tag schöner
als das aufrichtige leuchten eines gesichtes

dies ist das aufgehende wunder
in der frühen morgenstunde

eine unberührte verführung zum leben
eine berührende liebe zum leben



Hermann Josef Schmitz